29
Mrz
2014

Morrison

Der Comic-Autor Grant Morrison begeistert und beschäftigt mich schon seit Jahren. Aktuell lese ich seinen Lauf bei Doom Patrol, Ende der 80er erstmals erschienen. Zuvor hatte ich mich an The Filth und The Invisibles versucht, aber beide waren mir in ihren Motiven zu abstrakt, zu fern vom Fokus auf einem interessanten Plot und stattdessen zu sehr auf Konzepte, Motive und Symbolismen konzentriert. Ähnliches habe ich bei Doom Patrol befürchtet, aber es hat sich nicht ganz bewahrheitet. Morrison lässt zwar immer wieder völlig abstrakte und abstruse Denkwelten auf den Leser los, aber sie entfalten sich nicht so ausladend wie in Filth oder Invisibles. Fast kommt es mir so vor als hätte ein leitender Redakteur Morrison an der völligen Ausuferung gehindert. Innerhalb der Erzählwelt gibt es zudem die Figur Robotman, einen ganz normalen, bodenständigen Charakter, der dem Leser als ein wunderbarer Anker dient, um nicht gänzlich die Orientierung zu verlieren.
Was mir nun aber nach dem zweiten Sammelband Doom Patrol aufgefallen ist, ist folgendes Phänomen, das ich glaube auch in allen anderen Comics von Morrison gespürt zu haben - bis ich es heute konkret bemerkte: Morrison schreibt immer wieder Comics mit klassischen und mitunter sogar archetypischen Heldenfiguren (siehe New X-Men und natürlich vor allem anderen All-Star Superman und Batman). Was Morrison aber immer meidet ist das Heldentum als solches. Seine Protagonisten, seien sie sonst auch noch so strahlende Helden, handeln selten bis nie, weil sie sich als Helden, Vorbilder und Retter empfinden. Die bei Morrison entwickelten Konflikte sind meistens so nah an den Figuren selbst dran, dass es keinen Ansatzpunkt gibt, dass die Charaktere sich zwischen Bösewicht und Weltbevölkerung werfen könnten. Die Helden selbst werden bedroht oder wenigstens zu einem späteren Zeitpunkt so stark involviert, dass der klassische Held, der den Bösewicht stoppt, in dieser althergebrachten Form nicht auftritt.
Einzelne Geschichten, z.B. New World Order aus seinem Lauf bei JLA, scheren hier sicherlich aus, aber der typische Verlauf ist sonst nicht der des intervenierenden Helden. Es beginnt meist schon mit einer reinen Untersuchung der aufkeimenden Entwicklung und schon ist der Protagonist voll und ganz involviert und meist fundamental von der Angelegenheit bedroht.
Hinterher hat der Held überlebt und ist manchmal auch an dem Erlebnis gewachsen, aber er winkt nicht den jubelnden Massen zu und wird gepriesen. Er hat sich selbst nicht aufgegeben und sich nicht dem Konflikt ergeben.

Vielleicht ist Morrison deswegen so hoch als Autor angesehen: er geht mit seinen Geschichten nah an die Figuren heran und positioniert sie in krisenhafte Situationen, die ihre Leitmotive und tragenden Kräfte bedrohen oder in Frage stellen. Ist der Konflikt gelöst, geht der Held gestärkt daraus hervor. Für den Leser ist das natürlich ein ganz anderes Erfahren der bekannten Figur.

2
Mrz
2014

Kommentar-Depp

Auch wenn immer wieder Abgesänge auf Google+ gehalten und Googles Bestrebungen das eigene Sozialnetzwerk populärer zu positionieren belächelt werden, habe ich mich doch immer wieder gern mal auf Google+ eingeloggt - sei es auch nur einmal die Woche, um freitags ein GIF zu teilen, was so eine Art Tradition von mir darstellt.
Als vor einer Weile Google+ und YouTube hart zusammengelegt wurden, kümmerte mich das nicht viel. Ich glaube sogar, dass ich dachte es sei ganz angenehm, da man sich jetzt nur mit einem Account anmelden müsse. Großartig aufgewühlt hatte mich diese Mitteilung jedenfalls nicht.
Bis ich heute erfahren musste, dass Google Textbeiträge zu/über Videos auf beiden Portalen parallel veröffentlicht und mich dadurch wie einen Idioten aussehen lässt.

Gestern habe ich mir eine Doku auf YouTube angeschaut. Es geht um eine britische Familie, die in einem Experiment für die BBC nach Nürnberg zieht und sich in einer Art Kulturschock der statistisch gesehen typisch deutschen Familie anzugleichen versucht. Ganz nette Doku, fand ich und so habe ich dann dieses Video auf Google+ geteilt und einen einleitenden Text dazu verfasst: "Keine uninteressante #Doku: eine britische Familie will die typisch deutsche Norm erfüllen und zieht dafür nach Nürnberg, um den deutschen Durchschnitt als Maxime zu leben."

Nach ein paar Stunden Schlaf schaute ich nach, ob jemand auf meine Empfehlung reagiert haben möge und tatsächlich wurde mir ein Kommentar zu meinem verlinkten Video angezeigt. Allerdings irritierte mich der Kommentar. Zum einen kam er von einer mir völlig unbekannten Person ohne Profilbild und mit dem Nutzernamen Alice5212 anstelle eines Echtnamens (für Google+ sehr untypisch) und außerdem lautete der Kommentar wie folgt: "Ja Marko, wir haben verstanden worum es geht ;)"
Hatte ich eine derart schlechte "Anmoderation" geschrieben, dass ich solch einen Kommentar verdient hatte? Ich muss gestehen, dass mein Einleitungstext nicht nüchtern entstanden ist, aber so daneben fand ich ihn auch ohne Alkohol im Blut nicht.
Als ich mich von Google+ zu YouTube hinüber klickte, erklärte sich dann der Kommentar der fremden Person. Mein Einleitungstext, der bei Google+ über dem Video steht, wurde auf YouTube automatisch als Kommentar unter das Video gesetzt. Kein Wunder, dass Alice5212 sich zu einer solchen Bemerkung hinreißen ließ, wenn sie unter einem Video eine Kurzzusammenfassung des Videos lesen muss!
Ich stehe wie der letzte Depp da, der Videos mit offensichtlichen Beschreibungen ihrer selbst kommentiert.

Andersherum werden die Texte übrigens auch geklont. Das Google+ Profil von Alice5212 ist voller YouTube-Videos mit ihren Kommentaren als vermeintlichen "Einleitungstexten". Kommentare ohne jeden Kontext und darunter dann Videos. Das sieht genauso blöd aus wie ein Video und darunter ein Einleitungstext, der als Kommentar gelistet ist.

Kurzum: Nutzer von Google+ werden auf YouTube als Kommentar-Deppen und YouTube-Kommentatoren werden auf Google+ als Einleitungs-Idioten dargestellt.

Zwei unterschiedliche Formen von Text werden hier wie eine einzige behandelt, obwohl es doch offensichtlich sein muss, dass eine Einleitung/Erläuterung/Ankündigung nicht einfach zu den Kommentaren geschmissen werden kann und alles ist und bleibt inhaltlich und kontextuell stimmig. Ebenso wenig kann man doch nicht einfach behaupten, dass ein Kommentar eine vollwertige Ankündigung/Einleitung oberhalb eines Videos sein kann.

Das ist ein derart eklatanter Fehler, dass ich mich regelrecht für Google schäme.
Dieses Klonen von Textinhalten zu Videos lässt sich aus meiner Sicht auch nicht deaktivieren. Der Subtext dieser Tatsache für mich lautet: Google möchte nicht, dass ich Videos auf Google+ teile und anmoderiere oder Videos auf YouTube kommentiere - wenn mir mein Erscheinungsbild auf Google+ und YouTube am Herzen liegt.

13
Feb
2014

Mass Effect

Der Abspann ist durch, die Danksagung der Entwickler gelesen - soeben habe ich "Mass Effect 3" und die entsprechende Trilogie beendet. Ich habe eine Geschichte miterlebt, die sich über drei komplette Spiele entsponnen hat und nun zu Ende geführt ist.
Rein technisch wäre ich nun in der Lage, noch einmal ganz von vorne anzufangen und andere Entscheidungen zu treffen: ein anderen Mitglied meiner Besatzung in den sicheren Tod zum Wohle der Mission schicken (Teil 1), eine intime Beziehung mit jemand anderem eingehen (Teil 2) oder eine andere Rasse zur Ausrottung verdammen (Teil 3). Ich könnte, aber ich kann nicht, nicht wirklich. Was ich erlebt habe, ist für mich die Saga, wie sie "passiert" ist. So hat es sich zugetragen und das kann man nicht einfach umbiegen. Ich kann auch nicht etliche Versionen eines guten Films schauen, um meine Neugier zu befriedigen, was passiert wäre wenn…

Erst dachte ich: Vielleicht werde ich irgendwann einmal, wenn einiges an Zeit vergangen ist und die Erinnerungen an die ganz besonderen Momente dieser Saga verblasst sein sollten - jeder Kloß im Hals nach einem Verlust, jede hart mir selbst abgerungene Entscheidung - nochmal ganz von vorne anfangen und es anders angehen. Doch mittlerweile glaube ich, dass ich die eine Version der Geschichte, die zu mir gehört, nunmal erlebt habe. Die Entscheidungen waren meine und ich würde beim gezielt anderen Vorgehen einfach nur der Neugier halber andere Entscheidungen treffen. Es wäre nicht echt. Die Verlockung ist da: ich könnte Fehler vermeiden, mit denen ich jetzt leben musste, aber diese Prise Reue gehört für mich auch dazu, denn es geht gar nicht darum die Missionen perfekt zu erfüllen, sondern darum eine komplexe Geschichte zu erleben und ihren Fortlauf ein Stück weit mitzugestalten. Wie könnte ich da einfach alles planvoll nochmal angehen und gezielt diese Erzählung manipulieren, um eine aalglatte Bilanz zu erzeugen?

24
Jan
2014

Instagram II

Zu Beginn jeden Jahres suche ich nach einer neuen App, die ich dann ein Jahr lang so intensiv und authentisch wie möglich benutze, um mir einen echten Eindruck davon zu machen. so will ich mich offen halten für Neues und nicht immer nur im eigenen Saft braten. Diesen Ganzjahrestest mache ich erst seit 2012. Damals war es Foursquare. 2013 habe ich Eyeem angeschafft. Wie es nun aussieht, werde ich wohl ab jetzt auch Instagram testen, denn durch eine beruflich benötigte Recherche war eine Anmeldung nötig. Ich glaube allerdings nicht, dass ich der Typ Nutzer bin, der es schafft, gleich zwei Foto-Communities mit dauerhaft neuem Input zu bespielen. Immerhn kann ich jetzt einen Vergleich zwischen den beiden populärsten Foto-Communities ziehen.
Ein paar Dinge sind mir auch schon nach dem ersten Tag mit Instagram aufgefallen:

Bei Instagram erstellt man wesentlich schneller und einfacher ein neues Bild. Auslöser drücken, Filter wählen und zusätzliche Effekte wie Rahmen oder Unschärfevignette an- oder ausschalten. Abschicken.
Bei Eyeem nimmt man das Bild auf, wählt einen Filter, wählt einen Rahmen und wird dann noch um einen Geo-Tag gebeten. Hier fühlt sich der Ablauf mehr nach einer Tüftelei an als nach einem glatten, spontanen Akt.

Den "Home"-Bereich bei Instagram finde ich auch besser. Hier sehe ich einen Stream aus Bilder derer, denen ich folge. Bei Eyeem wird unter "Home" eine Auflistung von Alben, die mich interessieren könnten, verstanden. Will ich sehen, was die von mir gefolgten Nutzer eingestellt haben, muss ich in die Navi wechslen und dort "Freunde" anwählen.

Letzter Punkt, der mir bislang aufgefallen ist: bei Instagram sind mehr Leute aus meinem Netzwerk, konkret Facebook-Freunde. So konnte ich gleich kurz nach der Registrierung über zwanzig Leuten, die ich kenne, folgen und fand quasi für mich persönlich möglicherweise relevante Inhalte vor - auch wenn nicht jeder regelmäßig Bilder einstellt.

Mal schauen, wie sich mein Verhältnis zu Instagram entwickeln wird. Als damals der große Hype losging und man auf Twitter, Facebook und Co. überschwemmt wurde von gefilterten Bildern von Mahlzeiten, Katzen und dem aktuellen Wetter, habe ich schnell eine starke Abneigung gegen Instagram entwickelt. (Hier der Artikel dazu.) Inzwischen hat sich die Flut sehr stark beruhigt.

22
Jan
2014

Homescreen

Marcel von UARRR wurde neulich von einem Leser gefragt: "Wie sieht dein Homescreen aus?"
Ich finde diese Frage recht interessant, denn unsere mobilen Endgeräte stehen uns derart nahe, dass ein Homescreen wirklich schon eine kleine Aussage über den Inhaber darstellen kann. Mein Münchner Mitbewohner gemahnte mich einsta daran, dass man beim Telefonkauf darauf achten solle, dass man das Gerät im Grund ejeden Tag in die Hand nimmt und daher jeden Tag zufrieden damit sein sollte. Es ist daher nur logisch, dass man sich das Gerät auch so einrichtet, dass man es jeden Tag als angenehm und nützlich empfindet.

Hier nun also mein Homescreen:

Homescreen

Im Schnellstartbereich habe ich Gmail, die Foto-Galerie, Whatsapp und Twitter abgelegt und das auch nur, weil es sowieso diesen Bereich für "angeheftete" Apps gibt.
Auf den zusätzlichen Homescreens links und rechts von dem gezeigten habe ich all die anderen Apps, Widgets oder Lesezeichen (Feedly, Öffi, Kalender etc. - insgesamt 23) abgelegt. Die Mitte, den ersten Homescreen, den ich nach dem Entsperren sehe, will ich aber leer haben.

19
Jan
2014

Berührungen

Berührungen sind für mich Gesten mit Bedeutung, bewusste Gesten mit deutlicher Bedeutung. Mindestens immer mit der Bedeutung, dass der heilige Raum der körperlichen Trennung durchschnitten wurde und ein direkter Kontakt hergestellt wurde. Das signalisiert etwas, immer, auch trivialste Kleinstberührungen wie eine flüchtige Hand auf einer Schulter. Wenn es meine Schulter ist, signalisiert das in den meisten Fällen mir persönlich, dass ich schon wieder "angetatscht" wurde und das nicht will. Selten bis nie. Eben weil Berührungen für mich immer eine Bedeutung haben (und ich außerdem ein Freund der Herausforderung bin, mit Worten so pointiert Bedeutungen zu transportieren, dass physische Berührungen unnötig werden), spare ich mir die konkrete Berührung gern als ein finales Stilmittel der Kommunikation auf. Andere sehen das anders. Zu meinem Leidwesen.
Einer meiner Kollegen hat meine Aversion gegen sinnleere Berührungen bemerkt und sich selbst und den anderen Mitarbeitern den Spaß der gezielten Störberührung mir gegenüber eröffnet. Schön für ihn, für sie alle.
Meinetwegen mag ich ihm, ihnen und vielen anderen als prüde oder verklemmt erscheinen, ich selbst empfinde mich nicht so. Ich berühre gern andere und werde extrem gern berührt - wenn es etwas bedeutet. Mit Wohlbehagen denke ich daran zurück, wie meine Mutter - damals war das eine Routineaufgabe in jeder Familie - auf meinem Kopf nach Läusen suchte. Dieses fürsorgliche, sanfte Streichen durch meine Haare.
An einem meiner letzten Abende in München tanzte ich mit einer jungen Frau, die ich nie zuvor getroffen hatte und seither nie wieder sah. Irgendwann schmiegt sie sich an mich und griff beherzt eine ganze Hand voll Haare an meinem Hinterkopf. Diesen Moment werde ich immer als wahnsinnig schön in Erinnerung behalten.
Wann immer ich einer Frau näher kommen durfte, liebte ich es, mit meinen Fingern sanft mit ihren zu spielen, so zart es mir in meiner nervösheitsbedingten Grobmotorik möglich war. Kleine Blitze der dahingehauchten Berührungen meiner Fingerspitzen an ihren Fingern, ihren Handrücken, ihren Handinnenflächen auslösen und ganz auskosten.
Dass wir in einer (angeblich) distanzierten, (angeblich) entfremdeten, (angeblich) unzarten Gesellschaft leben, kommt mir entgegen. So kann ich sorglos wirklich gemeinte Berührungen aufsparen und dem Moment sein Besonderssein ganz und gar zugestehen und gönnen.

5
Jan
2014

Reign

Spider-man: Reign wirkt auf den ersten Blick wie ein auf den Wandkrabbler gemünztes The Dark Knight Returns. Das mag hinsichtlich des Grundmotivs, dass ein Held sich wieder reaktiviert, stimmen, aber die Parallelen hören sehr früh auf. TDKR ist für mich das wesentlich bessere Superhelden-Comic, denn Batman ist viel planvoller, mündiger und proaktiver. Reign funktioniert als Superhelden-Comic für mich eher mittelmäßig. Es hat nämlich ganz andere Vorzüge, das es für mich zu einem intensiveren Comic als TDKR machen: es hat Motive tiefster emotionaler Verwurzelung.
Das überhaupt Grandiose an Reign ist, dass Peters Schuld Onkel Ben gegenüber nicht im Vordergrund steht. Seine Verantwortung aufgrund seiner Kraft ist nicht das Motiv, das ihm dauernd im Kopf umher bimmelt. Peter hat einen viel größeren Verlust erfahren und sich eine viel größere Schuld aufgeladen: Mary-Jane.
Die extreme Wichtigkeit von Mary-Jane in Peters Leben kam für mich nie so gut raus wie hier in Reign. Auch wenn ich jahrelang MJ bedingungslos Peter MJ wirklich liebt. Selbst in One More Day hatte ich nicht eine so deutliche Vorstellung von Peters Liebe MJ gegenüber vermittelt bekommen wie in Reign - das kann daran liegen, dass in OMD Mays Leben (und somit auch Peters Liebe zu May) über die Liebe zu MJ gestellt wurde.
Nicht so in Reign, hier wird richtig deutlich und ohne Kompromisse, bis zur völligen eigenhändigen Erniedrigung des Protagonisten die Liebe zu MJ zur persönlichen Psychose stilisiert. Und das gefällt mir, denn diese Liebe zu MJ wird in Reign so herrlich selbstsüchtig dargestellt. Sie macht Peter so menschlich, denn er will gar nicht wieder der Held sein, andere retten und den Bösen eins auf die Mütze geben. Ich glaube bis zuletzt setzt er sich nicht wirklich mit den Vorgängen in New York und dem Web auseinander. Am Anfang will er ja sogar einfach nur die Stadt verlassen, aber eins hält ihn zurück: die Vision seiner toten Ehefrau als schweigender Quälgeist und die dauerhafte Erinnerung an das einzig Wichtige in Peters Leben. Als er sie verlor, fehlte ihm jeder Grund, die Maske wieder aufzusetzen. Er konnte nie wieder ihr "Go get 'em, Tiger!" hören und ohne die Möglichkeit, sie zu beeindrucken, d.h. für sie heldenhaft zu sein, war das Heldentum nichts mehr wert für Peter. Er begrub das Kostüm mit ihr und hörte einfach auf.
Der Ansatz, dass das immerwährende Motiv der Verantwortung bzw. Schuld nicht mehr ausreicht, weil der Verlust von MJ Peter derart vernichtet, ist eine herrlich frische Idee und einfach auch viel menschlicher als die Idee der Verantwortung durch Kraft - um ein solches Ideal aufrecht zu erhalten, muss man ein starkes Über-Ich haben. Die "Go get 'em, Tiger!"-Motivation ist menschlich nachvollziehbar(er) und passt sehr gut zu einer bestimmten Lesarten von Peter Parker: jener Lesart des noch immer verunsicherten Knaben, der seine Eltern verloren hat, jahrelang der zerbrechliche Bücherwurm und das Mauerblümchen par excellence war und kaum, dass er eine übermenschliche Kraft erlangt hatte, diese selbstsüchtig einsetzt und sich in den Tod seines Onkels verstrickt. Was ihn in zu diesem Zeitpunkt ins Erwachsensein katapultiert hatte, waren die neuen Kräfte, das gänzlich neue Körperbewusstsein und natürlich die dank der Schurkengalerie gänzlich anderen Konflikte in Peters Leben. Hierzu merkt der Superior Spider-man so wunderbar an, dass Peter immer nur reagiert hat und sich nie wirklich als mehr als nur ein herbeieilender Retter aufstellte. Diese Aspekte und natürlich der Verlust von Gwen und ihrem Vater sowie die permanente Angst um May spielen in diese Lesart eines nach wie vor unsicheren und verletzlichen Peters. Eben diese Lesart korrespondiert einfach sehr schön mit der "Go get them Tiger!"-Motivation.
Peter treiben in Reign keine Ideale an, sondern die Manie, MJ stolz zu machen. Am Ende wird es besonders deutlich, dass er nur auf ihr Geheiß hin den Kampf mit der Symbionten-Armee durchzieht und in den eigentlich sicheren Tod zieht.
Selbstredend kann man MJ als reine Projektion der Verantwortung dem Heldentum gegenüber deuten. Schließlich ist sie ja längst verstorben und Peter lässt sie nur einfach nicht los. Aber genau das ist der Knackpunkt seiner einfach unerträglich großen Liebe zu ihr und somit seiner Abhängigkeit von ihr.
Ich muss sagen, dass für mich in Reign endlich mal MJ als wirklich extrem starker Faktor in Peters Leben dargestellt wird und es auch zur Figur passt. Die einzige Andeutung, die ich im 616er Universum dazu gefunden habe, ist kaum eine richtige Andeutung, sondern eher die Ahnung einer bedinungslosen und nie hinterfragten Liebe Peters zu MJ - siehe HIER.
Peters Liebe zu MJ in Reign ist für mich selbstsüchtig, menschlich, ehrlich, manisch und dadurch einfach wirklich authentisch.

10
Dez
2013

DigiCom

Ich lese schon seit einer gefühlten Ewigkeit (Anfang/Mitte der 90er) Comics, seit fast zehn Jahren bin ich durchgängig Abonnent von mindestens einer Serie. Mein Dauerbrenner ist übrigens Spider-man. Meine Eltern haben über diese Leidenschaft - bzw. für sie war es eher ein Hobby - nie die Nase gerümpft. Sie waren anfangs nur immer gegen ein Abo, da sie sich nicht sicher sein konnten, dass ich auch wirklich jahrelang Comics lesen würde. Damals ließen Abos auch noch nicht mit ein paar Klicks im eigenen Kundenkonto oder einer kurzen Mail beenden. Damals waren wir alle offline!
Meine Freude an Comics hat jedenfalls meine Schulzeit, mein Studium und bis heute die ersten Jahre meines Berufslebens angehalten und währt auch jetzt in diesem Moment, da ich dies hier tippe und auf dem Tisch neben mir Comics liegen (natürlich auch Spider-man), die ich heute erst abgeholt habe.
"Abgeholt"? Ja, denn mein Briefkasten (hier in meiner neuen Wohnung, in der ich seit vier Monaten lebe) ist zu klein für selbst die kleinste oder dünnste Büchersendung, weshalb ich mir rasch ein Kundenkonto bei einer Packstation besorgt habe. Meine Comics heute habe ich aber auch nicht von (m)einer Packstation geholt, sondern von einer kurz vor der Schließung stehenden, deutlich abgenutzten Postfiliale in einer Seitenstraße des Hauptbahnhofs Frankfurt am Main. Anscheinend war die Packstation voll und meine Lieferungen wurden umgeleitet - an eine Filiale, die unter der Woche um 18 Uhr schließt und samstags bereits um 12 Uhr. Dieselbe Filiale öffnete heute erst um halb zwei nachmittags, aufgrund eines "technischen Defekts" (so das Schild an der Tür). Zum Glück hab ich mir einfach mal so einen Tag frei genommen und war sowieso erst nach eins dort.

Ich schreibe das hier nicht, um mich über die Deutsche Post aufzuregen, ich bin nichtmal böse. Ich habe ja, was ich wollte. Ich schreibe das hier, weil ich auf dem Weg bin, meine Abos zu kündigen.
Es erscheint natürlich etwas überempfindlich, wegen einer logistischen Ungereimtheit gleich alle Abos kündigen zu wollen. Das ist auch gar nicht der wahre Auslöser, sondern nur ein weiterer Anstoß.
In all den Jahren, die ich nun Comics lese, bin ich parallel auch weiter gewachsen und im Sinne unserer konsumorientierten Markt- und Gesellschaftsordnung auch als Kunde mehr und mehr gereift. Mein Mitbewohner in München lehrte mich eine Art Mündigkeit des anspruchsvollen Konsumenten - und zwar das Recht für das eigene Geld das beste Produkt in der angenehmsten Form auf bequemste Weise bekommen zu dürfen. Das ist unsere bürgerliche Kommerz-Demokratie: wir stimmen mit unseren Kaufentscheidungen ab.
Und ich sehe nun für mich den Zeitpunkt gekommen, an dem ich keine Lust auf die inhaltlich nicht bestmögliche Form eines Produkt zu nicht maximal optimalen Beschaffungsbedingungen habe. Über den zweiten Punkt habe ich ja bereits kurz referiert. Was meine ich aber mit der Kritik am Inhalt?

Wann immer ich kann, lese ich Comics im (im Fall meines Superheldenfokus) englischen Original. Meine Post-Abos beliefern mich jedoch mit übersetzen und auf Deutsch getexteten Comics. Ich habe nichts gegen deutsche Comics an sich, ich sage nicht, dass das Original prinzipiell besser sein muss. Ich habe all die Jahre die deutschen Comics genauso geliebt wie dann später das nachträglich gelesene Original.
Was mich stört, ist ein hintergründiges Bewusstsein, dass ich regelrecht greifbar spüre, dass eine bestimmte Textstelle besser übersetzt oder getextet hätte werden können. Es ist als würde ich eine perfekte Kopie eines Kunstwerks betrachten und mir würde eine lieblos gemalte Augenbraue oder ein stümperhaft modelliertes Ohrläppchen auffallen. Der Fehler steckt nicht im Original, sondern in der Kopie, aber ich kenne den Abgleich mit dem Original nicht, weiß aber aus meinem ästhetischen Empfinden heraus, dass das Original sich diesen Lapsus in dieser Spürbarkeit nicht geleistet hat.

Was nun also? Ich will nichts überstürzen. Erst einmal lasse ich mir ab sofort meine Post-Abos ins Büro schicken. In der kurzen Zeit, die ich jetzt dort arbeite, habe ich mich mit der Empfangsdame ganz gut gestellt. Zudem kommen auch immer wieder Lieferungen für andere Mitarbeiter und bei meinen Abos muss sie nichtmal was unterschreiben.
Außerdem habe ich mich grade eben auf marvel.com registriert und bin ab sofort in der Lage, Digitale Marvel-Comics zu kaufen und entweder online oder via mobiler App zu lesen und kann nun in einer Geschwindigkeit, die ich frei wähle den Umstieg vom Print- zum Digital-Abo antesten und annehmen. Ein digitales Endgerät werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso den Rest meines Lebens immer dabei haben, also kann ich diese Schnittstelle der fast ungebrochenen Erreichbarkeit auch dafür nutzen, von meinen Comics erreicht zu werden. Digitale Comics am Rechner/Laptop lese ich sowieso schon seit Jahren immer wieder mal. Der Umstieg auf englische Abos sollte da keine Krise in mir erzeugen.

Schlussendlich sehe ich da auch noch einen Vorteil im nicht mehr wahllosen Anhäufen von Papier in meinem Wohnumfeld. Comics schmeißt man nicht weg, also stapelt und verpackt man sie, schichtet sie um, lagert sie ein und weiß nie, wohin damit. Digitale Comics kann ich archivieren und die allerbesten kann ich mir immer auch nochmal zusätzlich als gedruckte Ausgabe von irgendwoher bestellen, vorzugsweise als Paperback mit ein klein wenig Zusatzmaterial.

Ich befinde mich also im Umbruch, was für mich nach all den Jahren keine Kleinigkeit bedeutet.
Aber es ist ja nur ein Hobby. Da wachse ich noch raus.
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