6
Mai
2012

Bat-Mignola

Gestern habe ich die "Mike Mignola Batman Collection" gelesen, auf die ich mich schon ein kleines Weilchen lang gefreut hatte. Man stelle es sich nur vor: der Schöpfer, Autor und Zeichner von Hellboy arbeitet mit dem Fledermausmann. Allein Mignolas Zeichenstil ist ein Leckerbissen für Batman-Freunde.
Die Lektüre war enttäuschend, denn was Mignola in seinen Batman-Arbeiten erschaffen hat, waren keine Batman-Erzählungen, es waren Hellboy-B-Seiten und einfach nur Mignola-Mystik, wie man sie viel besser von Hellboy kennt auf Batman umgelegt, aber nicht wirklich der Ikone "Batman" angepasst. Stattdessen hat Mignola Batman genommen und ihn eher "sinngemäß" in sein Haus- und Hofuniversum aufgenommen und etwas produziert, dass "Batman" auf dem Titel stehen hat und auch nach Batman aussieht, aber es ist Fabuliererei okkulter und mystischer Motive, in die der Begriff von "Batman" eingewickelt ist, so dick, dass man die Ikone nicht mehr wirklich erkennen kann.
Im Grunde fühlte es sich zeitweise so an, als wäre Batman für Mignola nur eine Sammlung von Namen und frei verfügbaren Konzepten, aus denen er sich frei nach seinem Willen bedient hat, um wieder mal einer seiner Geschichten zu erzählen, keine Batman-Geschichte.

3
Mai
2012

Pierrot Le Fou

Ich bin ja generell ein großer Freund der Serie "Cowboy Bebop", aber es gibt eine Folge, die für mich aus dem Kollektiv der Episoden herausragt: "Pierrot Le Fou".
Nicht allzu oft wird bei "Cowboy Bebop" die Atmosphäre besonders stark verdichtet. Meistens passiert es nur in einigen Passagen, v.a. wenn es um Spike und Vicious geht. In dieser speziellen Folge aber ist die nicht-verdichtete Atmosphäre die Ausnahme, denn so angespannt und auf Atmosphäre getrimmt ist wohl keine Folge sonst in dieser Serie.
Der absolut effiziente und keinesfalls konventionelle Killer "Mad Pierrot" ist hier der Antagonist und jede Szene mit ihm ist voller Anspannung und einer bedrohlichen Dynamik sowie Optik. Immer wieder gibt es perspektivische Scharmützel, die sich mit Nahaufnahmen seines Gesichts und das von Spike abwechseln, wenn mal wieder ein Moment des Innehaltens uns Taxierens eintritt. Und dann das Zähneknirschen Pierrots.
Was in dieser Folge an Anime-Filmkunst in der Optik, den Bewegungen, Einstellungen und musikalischer Untermalung geleistet wird, gehört für mich – wie schon erwähnt – zur einer der herausragenden Episode der Serie, aber auch des Genres an sich.
Mehr lässt sich nicht mit Worten beschreiben, darum einfach die Empfehlung, sich die gesamte Serie anzuschaffen und zu schauen. Bereuen wird man es auf keinen Fall. Spätestens Folge 20 wird die Offenbarung bringen.

18
Mrz
2012

Instagram

"Instagram ist aus der Hölle", sagte und sage ich immer wieder gern, denn jeder kann damit jeden Stein und Hydranten, jede Türklinke und Treppe, jedes Unkraut, jede Wolke photographieren und irgendwelche Retro-Effekte drauflegen. Fertig ist das Husch-husch-Kunstwerk.
Der Kniff ist diese Nachbearbeitung, denn ich glaube der "Boom" kam erst mit diesem leicht zu bewerkstelligenden nachbearbeiten. Vorher haben – meiner gefühlten Wahrnehmung zufolge – viel weniger Leute einfach nur Bilder getwittert. Mit Instagram ist ein Bild nicht einfach nur eine Information, sondern eine Stimmungsaufnahme, was zum Angucken, nicht nur für die Kenntnisnahme. Aber für mich persönlich ist Twitter eine Sphäre der Informationen und wenn ich auf einen Bild-Link gehe und dann dort wieder nur einen Alltagsgegenstand mit Polaroid-Filter drüber sehe, rollen sich mir die Augen nach innen.

Aber so langsam keimt in mir die Erkenntnis, dass wir Instagram brauchen, es ist ein Bringer der Erkenntnis. Dank Instagram werden wir das sinnlose Posten von Bildern erst wirklich bemerken und dank der Nachbearbeitungen verstehen, was eine Aufnahme bedeutet: ein Abbild der Realität, kein authentisches Dokument, sondern eine einzige Interpretation. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine extrem alte, aber anscheinend muss sie immer wieder mal neu in das Bewusstsein der Zivilisation gespült werden.
Ich hoffe das Instagram eine Übersättigung an Amateurskunst herbeiführen und das nachbearbeitete Bild an sich "uncool" werden lässt. Vielleicht reiße ich mich selbst dann auch mehr zusammen.

27
Feb
2012

Tatort

Vor einer Weile habe ich mich einer schnuffigen kleinen "Tatort"-Runde angeschlossen, d.h. es wurde seither so regelmäßig, wie es der sonntägliche Zustand zuließ, der Klassiker des deutschen Fernsehkrimis geschaut. Die Art des Schauens ist eher ein gemeinsames Zusehen, Kommentieren, über Seltsames Wundern und Beschmunzeln, während der "Tatort" läuft. Nach seiner Beendigung werden noch ein paar besondere Momente kommentiert und dann ist gut.
Nun habe ich also mehrere meiner Sonntagabende auf den Tatort verwendet und stehe heute, zwei Stunden nach dem jüngsten Abspann zwiespältig dem Phänomen "Tatort" gegenüber.

Das Verdikt lässt sich im Grunde leicht zusammenfassen: Würde der "Tatort" nicht in für mich relevantem Maße sozial fundiert sein, könnte ich dankend darauf verzichten.
Ich fühle mich von der deutschen Fernsehsendung "Tatort" nicht erfüllend unterhalten, was nun den "Tatort" nicht zu einem Einzelfall in der Flimmerkastenwelt macht. Es gibt einen unüberschaubaren Haufen nutzloser Formate, die ich zerreißen könnte, wenn sie es nur wert wären. Was den "Tatort" nun hier als Thema qualifiziert, ist seine gesellschaftliche Rolle. Regelmäßig liest man von ihm in den Feuilletons und Spiegel Online hat auch eine feste Rubrik des Tatort-Schnellchecks etabliert. Der "Tatort" interessiert, er ist ja auch schon so lange da. Er gehört zum Sonntag... yadda, yadda, yadda.
Das alles genügt mir nicht. Inhaltlich ist bislang jeder "Tatort" keine wirkliche Leistung gewesen und ich habe immer etwa eine halbe Stunde vorm Ende den typischen Drang, auf die Uhr zu schauen.
Originalität wird nur situativ betrieben, nicht konzeptionell. Es scheint auch eine gewisse Marschroute zu geben, die man einhalten sollte, vor allem was die Tiefe angeht. Ein "Tatort" muss fürs Volk geschrieben sein und am Ende auch zum Ende kommen. Es passiert nicht wirklich etwas "Großes", denn das wäre ja beim "Tatort" fehl am Platz. Es geht um Mordfälle und deren Bearbeitung – Format "Krimi" halt. Es muss also niemand weltbewegende Inhalte erwarten. Trotzdem gilt der "Tatort" als eine Art Eminenz am Sonntag Abend und wird stetig weiterproduziert und regelrecht reproduziert. Alles bleibt im angenehm überschaubarem Maße unterkomplex und noch innerhalb der Sendezeit verdaulich.
Mich hebt das alles nicht an und ich weiß nicht, ob die abstrusen Momente der "Tatorte" exakt so intendiert waren oder wir in unserer jungerwachsenen Runde sie nur so empfinden. Ist der "Tatort" ein Format, dass sich – so fest in die bundesdeutsche Fernsehlandschaft einzementiert - einfach auch mal selbst ein wenig karikiert? Oder ist er so hölzern, wie er mitunter wirkt?
Das ist für mich momentan das Interessanteste an dieser Sendung: die Frage, ob sie (noch) über sich selbst reflektiert oder nicht. Inhaltlich bleibt nichts in mir zurück, ich empfinde den "Tatort" als nicht maßgeblich relevant für eine Art deutscher Fernsehkulturseele oder sonstwas – nicht dass wir sowas bräuchten, es geht ja eigentlich auch nur um Fernsehen, aber selbst für die deutschen Fernsehverhältnisse ist der "Tatort" eher die wässrige Suppe unter den Sonntagsmenüs. Keine Ahnung, es hebt mich nicht an und ich frage mich einfach nur, was am "Tatort" so verfolgens- oder erhaltenswert ist. Nur weil es ihn schon so lange gibt, sollte dass nicht heißen, dass er nicht spürbar rechtfertigen muss, dass es ihn nach wie vor gibt.

12
Feb
2012

Meine Top 3 Kollisionen mit Verkehrsmitteln durch Comic-Charaktere

Ein sperriger Titel, aber er sagt alles Wichtige aus. Immer wieder rummst es in Comics und ihren Verfilmungen, Spieleadaptionen usw. Es prallen Held und Schurken aufeinander, Bomben, Häuser, Städte und ganze Planeten explodieren, aber manchmal gibt es auch einfach nur einen "klassischen" Zusammenstoß eines Vehikels mit einer Figur.
Ich habe meine persönlichen drei Favoriten der Kollisionen eines Comic-Charakters mit einem Verkehrsmittel gekürt und präsentiere hier nun:

Platz 3 - der Hulk und der Zug

In seinem Crossover mit Pitt rettet der ziemlich angesäuerte Hulk den kleinen Timmy, Pitts Erden-Halbbruder, vor einem Zug. Charmant daran ist das Wie, denn es wird beschrieben, dass Hulk den Knaben auch einfach von den Gleisen hätte pflücken können, doch er wählte den Rumms. Er machte es so, "dass es kracht", d.h. er hockt sich vor Timmy und lässt den ganzen verdammten Zug gegen ihn knallen und entgleisen - einfach weil ihm danach ist.

Platz 2 - das Ding und der Truck

In der 2005er Verfilmung der Fantastischen Vier hockt der frisch ins Ding verwandelte Ben Grimm auf einer New Yorker Brücke und bläst Trübsal. Ein Selbstmörder schleicht heran und Ben erschrickt ihn unfreiwillig. Beim Versuch den Suizidalen einzufangen, fällt dieser auf die Fahrbahn der Brücke und sieht einem dicken Truck entgegen. Ben, der noch nicht mit Sicherheit wissen kann, was seine neue Gestalt aushält, springt zwischen Selbstmörder und Truck und gibt die menschliche Barrikade. Einfach wunderschön anzusehen, wie er sich in die Kollision legt und der Truck ausgehoben wird.

thing-truck
Copyright Twentieth Century Fox

Hier im Trailer auch nochmal bewegt: http://youtu.be/27dZ5mJBnBY?t=2m2s

Platz 1 - "Red means stop!"

In Guillermo del Torros ausgesprochen schnuffigem ersten Hellboy-Film jagt der große rote Protagonist den Dämonen Samael über eine extrem stark befahrene Straße. Der junge Special Agent Myers folgt den beiden und wird als einziger von einem Auto touchiert. So kniet er nun also und starrt gebannt in die herannahenden Scheinwerfer. Da stellt sich plötzlich Hellboy, der für ihn umgekehrt ist, zwischen Myers und das Auto und hebt seine große steinerne Pranke, um das Auto zum Halten aufzufordern. Der typische Amerikaner in seinem SUV ist aber ausgesprochen bremsunfreudig und so greift Hellboy zu einer eleganten und gleichsam wuchtigen Lösung: ein perfekt abgepasster Schlag auf die Motorhaube des heranrasenden Wagens, der dessen Schwung umleitet und das Auto komplett aushebelt, sodass es einen Überschlag über Hellboy und Myers hinweg vollführt und hinter ihnen auf seinen Rädern landend aufschlägt und dem ignoranten Fahrer den Airbag in die Fresse drischt.
Weil Hellboy sich nicht einfach hat anfahren lassen, sondern zunächst eine friedliche Lösung angestrebt und dann eine kompromisslose und sehr originelle "Verarsch' mich nicht!"-Variante eingebracht hat, ist dies meine Nummer 1 unter den Verkehrskollisionen:



Unbedingte Erwähnung beim Thema Kollisionen gebührt dem Musikvideo "Rabbit in your Headlights". Es stammt nicht aus der Comic-Sphäre und läuft daher außer Konkurrenz.

5
Feb
2012

Eid

In "Amazing Spider-man 655" hat Autor Dan Slott den Helden proklamieren lassen: "Ich schwöre... von nun an... wo immer ich auch bin, stirbt niemand mehr!"
Dieser "Entschluss" entstand aus dem Tod von Marla Jameson und einer darauf folgenden Horror-Vision in Spider-mans Kopf, die ihn mal wieder unter einer Lawine von Schuldgefühlen begraben hat. Natürlich sind die Schuldgefühle, die Peter seit dem Tod seines Onkels hat, ein wichtiges Element der Figur, aber es hat doch niemals jemand behauptet, dass die Selbstbeschuldigung immer und immer wieder aufgefrischt werden müsse. Es ist doch schon nahezu lächerlich, wieviele Charaktere Slott aufmarschieren und an Spider-mans Psyche nagen lässt – während er immerhin den lichten Moment hat, die Schurken daran erinnern zu lassen, dass sie immer wiederkommen, während die Guten und Unschuldigen tot bleiben.
Onkel Bens Tod war der wichtige Auslöser und Gwen dann die maximal mögliche Dopplung dieses Schuldmotivs. Dann hätte mit der Belastung Peters Schluss sein müssen. Alle weiteren Tode mit anschließender Einzahlung auf Peters Schuldkonto haben das Konzept überlastet und gleichzeitig verwässert. Peter wird zu einem manischen Melancholiker, der überall nach emotionaler Last, die er sich aufladen kann, sucht.

Dass Peter nun schwört, keinen Tod mehr zuzulassen, ist ein Armutszeugnis. Warum muss er das jetzt – nach all den Jahren seines Wirkens als Held – sich selbst (und der Welt) schwören? Hat er das vormals nicht schon immer repräsentiert? Was hat er denn dann die ganzen Jahren vorher getan, wenn er jetzt schwört, alle Tode zu verhindern?
Slott hat das extrem wichtige Motiv der Schuld und des manischen Abwendenwollens von Übel verheizt, er hat es ohne wirkliche Aussage in den Raum gestellt und nichts damit ausgesagt.

Superman halála!

Ich bin eigentlich kein Freund davon, Comics direkt oder indirekt lächerlich zu machen, aber das folgende Video trägt in sich die ehrliche Liebe der Fans zum Medium und erinnert an diese in angebrachtem Maße. Außerdem ist es saulustig.

9
Jan
2012

Tutnix

Ich bin Akademiker. Das meine ich jenem Sinne, dass ich durch die Abwesenheit handwerklicher Expertise glänze. Ich bin kein Trottel, d.h. ich kann eine Bohrmaschine bedienen, ohne in der Notaufnahme zu landen, aber im Grunde hört es da auch schon auf. Für IKEA hat es immer gereicht, aber ich bin mal so dreist zu behaupten, dass man dafür keinen Orden verdient hat.
Dieser Sachverhalt ist eigentlich völlig irrelevant - oder zumindest kein Grund, den eigenen Selbstwert zu zermürben - doch das war mal anders. In Ansätzen zumindest, nämlich in den allseits beliebten "Schwiegersohn-Situationen".
Ich komme aus einer Kleinstadt (unter 20.000 Einwohner) mit dazu passend drum herum drapierten Dörflein. Entsprechend geprägt sind gewisse Mentalitäten, was die relevanten Parameter für einen brauchbaren Mann angeht. Ohne handwerkliches Geschick hat man da wenig vorzuweisen. Kopflastige Kompetenzen sind mitunter heute noch einfach weniger Wert, v.a. wenn man nur mit selbigen zu glänzen hofft. Ein Abitur anzustreben hatte sich bereits etabliert und wurde nicht als Malus ausgelegt, allerdings wurde es danach etwas schwierig zu punkten: wenn man vom Studium erzählte. Studierte sind scheinbar per se als brotlos abgestempelt worden, denn man erschafft ja nichts. Manch einer könnte sich vielleicht mit praktischen Studiengängen anfreunden, sagen wir: Maschinenbau, aber diese Möglichkeit blieb mir von vornherein verschlossen, denn ich war seit jeher Kopfmensch und darum früh auf Geisteswissenschaften festgelegt. Damals, vor meinem Studium, liebäugelte ich viel mit dem Journalismus. Erzählte ich dies, konnten sich die Leute wenigstens was Konkretes (Nachrichten, Berichte, Reportagen usw.) vorstellen. Begeisterung erzeugte das wenig, denn Schreiberlinge sind suspekte Figuren.
Als Zivi wurde meine Entfernung zu handwerklicher Praxis belächelt. Ich konnte ad hoc nunmal nichts reparieren, aber ich lernte schnell und fleißig und war dadurch dann doch noch brauchbar, erntete aber unter den anderen Zivis wenig Respekt, weil ich weder patent noch robust, kurzentschlossen oder ein "Anpacker" war. Mein Zivi-Ansehen war mir eher egal. Nervig wurde es bei meinen "Schwiegermüttern", denn sie konnten es in ausgesprochen erbärmlichen Maße verheimlichen, dass sie mit einem Vergeistigt-Verkopften an der Seite ihrer Tochter nichts anfangen konnten. Glorioserweise stammten meine damaligen Freundinnen auch noch aus Haushalten mit Grundstücken, d.h. es fielen praktische Arbeiten an. Ich stamme aus einer Plattenbausiedlung ohne Garten, ohne Garage. Praktische Arbeiten konzentrierten sich auf Hausreinigung und kleine Fahrradreparaturen, was beides durch meinen Vater abgedeckt wurde.
Fazit seitens der "Schwiegermütter": ein untauglicher, daherschwadronierender Faulenzer, der noch nie was Richtiges gearbeitet hat. Und sowas kriegt meine Tochter ab!
Das bereits als Zivi praktizierte schnelle Lernen half nur mäßig. Es war zusätzlicher Aufwand beim Warmwerden nötig, um etwas Linderung zu erzielen.
Aber egal.
Über das Studium und meinen anschließenden beruflichen Werdegang hinweg habe ich diese Bewertung an meinen Kernkompetenzen vorbei schneller als erwartet verlassen. Als Akademiker bin ich hier, in diesem Milieu der Großstadt München und meinem Kollegium, gefühlt mehr wert als der ländlich fundierten Wertschätzung echter, manueller Praxis.
Das fällt mir immer wieder auf, ist also keine Selbstverständlichkeit, jedenfalls nicht permanent. Und immer wenn ich merke, dass der Stellenwert von Verkopftheit und vergeistigt fundierten Kompetenzen hier, in meinem hiesigen Milieu, größer ist, denke ich zurück an die Zeiten, als ich mich fast schon genierte, weil ich Abiturient mit dem Vorhaben eines geisteswissenschaftlichen Studiums war und meiner Freundin kein Bettgestell schmieden konnte - ja, das hatte einer meiner Vorgänger getan. Ein erhebendes Gefühl zu wissen, woher ihr Bettgestell stammte.

23
Dez
2011

Daheim

Mein Münchner Erstwohnsitz ist eine WG, in welche ich vor etwas mehr als zwei Jahren eingezogen bin. Dort wartete ein voll eingerichteter Haushalt und meine erste Geschirrspülmaschine auf mich. Man will sich ja zuhause keine unnötige zusätzliche Arbeit machen.
Die einzige Aufbauarbeit, die ich beim Einzug leisten musste, fand bezüglich meines Zimmers statt. Der Rest der Wohnung funktionierte bereits tadellos und war mehr als ausreichend ausgestattet. Auch nach über zwei Jahren habe ich den Standard der Restwohnung mit meinem Zimmer nicht erreichen können und wollen. Dabei beziehe ich mich auf rein objektive Aspekte wie die grundlegende Qualität des Mobiliars oder der Anzahl dekorativer Elemente.
Der mir immanente Nestbautrieb ist nicht stark genug, meinem Zimmer ein Konzept angedeihen zu lassen. Regal und Schränke sind gleichsam dunkel. Hierauf zu achten habe ich dann doch noch hinbekommen. Ansonsten gelüstet es mir nicht nach Dekoration, Konzeption oder ausgefeilter Gestaltung. Allein die Frage, ob ich meine Schlafcouch auch mal gegen ein richtiges Bett austauschen möge, lässt mich eher indifferente Schlüsse ziehen. Natürlich wäre ein Bett toll, aber das Schlafsofa erfüllt auch seinen Zweck. Ich will einfach nicht „aus Prinzip“ an meiner Behausung herumkonzipieren, Ecken befüllen, Wände gestalten und dem Raum Charakter verleihen. Ich möchte das Wichtigste daheim haben, es für mich und meine Zwecke verwenden und meine Sphäre nicht auf mögliches Repräsentieren ausrichten.

Der Stellenwert der eigenen Wohnung wurde erst hier in meiner elterlichen Heimat ein Thema für mich, da es in meinem sozialen Umkreis mehrere Umzüge gab und dadurch natürlich das Einrichten besprochen wird.
Es wird sich ernsthaft und ausführlich, mit echtem Einsatz um die Einrichtung gesorgt und auch wenn schon ein Fernseher mit mehr als 40 Zoll Bilddiagonale vorhanden ist, kann dieser gern gegen einen größeren ersetzt werden. Surroundanlagen werden auch favorisiert.

Die Leute wollen sich zuhause wohlfühlen, so richtig. Das gönne ich ihnen auch, aber ich kann keinen vollkommenen Bezug dazu herstellen. Für mich ist mein Zuhause nicht der Kern meiner Aktivitäten, es ist der Ort. Von dem aus ich in den Alltag starte und wo ich mich für den nächsten Tag erhole. Der Ort, von dem aus ich mich orientiere oder wo ich einfach nur abhänge und online gehe. Ich fokussiere nicht das Hervorzeigen meiner Behausung, nicht einmal mir selbst gegenüber.
Ich repräsentiere in der sozialen Sphäre – online und offline – aber nicht in oder durch meine Wohnung und ich glaube da liegt der Unterschied in der Auffassung. Hier in der kleinen Stadt mit weniger als zwanzigtausend Einwohnern trifft man sich noch viel mehr daheim, es wird mehr besucht. Gemeinsames Kochen, Essen, Spielen, Filmschauen. Kein Wunder also, dass der Ort der Interaktion hergerichtet wird. Ich würde mich über kurz oder lang kaum anders verhalten, denn die impliziten Aussagen über mich, die meine Wohnung vermittelt möchte ich natürlich möglichst ideal klingen lassen.
Demnach werden gewisse Wohnungen also nicht einfach nur „für sich“ ausgestaltet, sondern, um ein angenehmes Beieinander zu ermöglichen. Kein Wunder also, dass ich keinen Bezug zu dieser Haltung habe. Ich habe mir was ich will und brauche herangeschafft und damit ist die Wohnungsgestaltung für mich erledigt, denn sie dreht sich nur um mich, nicht um die Bereitstellung eines Austragungsortes für soziale Interaktion.
Ich muss auch anmerken, dass die Umzüge in meinem Umfeld Pärchen betrafen. Dort scheint es generell einen stärkeren Hang zu ausführlicher Wohnungsgestaltung zu geben.
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